Die imposante Kraft der Wellen – Impression eines Tanzkurses

Als meine Füße das Wasser erreichen sind die Wellen noch in sicherer Entfernung. Das Meer ist aufgewühlt, schaumig gerührt, aufbrausend. Schon von hier sehen die Wellen imposant groß aus und kraftvoll. Sie ziehen den Sand, das Wasser und auch mich unwiderstehlich an sich heran.

Ein Sog, dessen Stärke mir imponiert. Diese Inbrunst, diese unfassbare Willensstärke!

Die Kraft Poseidons, unwiderstehlich verführerisch. Die Kraft Poseidons, die jegliche Vernunft verschwimmen lässt. Ich erahne nur, wie die wilde Weh mich ergreifen könnte, so wie es Odysseus mit den Sirenen geschah.

Als wollten die Wellen mir das letzte Blut aus den Adern saugen, um dann größer zu werden, sich aufzubäumen und wie ein Hochhaus in sich zusammenzufallen und alles zu Boden zu werfen, was in ihre Arme fällt. Erbarmungslos. Mit nur dem einen Ziel : den Strand zu erreichen.

Wie gefesselt stehe ich mit den Füßen im Wasser und kann meinen Blick nicht mehr von dem Spektakel abwenden.

Ich denke an den letzten Tanzabend in Potsdam. Schüchtern und zurückhaltend hatten die Frauen und Männer den Saal betreten. Gefangen noch in ihren angepassten Strukturen. Die Erwartungen erzeugten eine Spannung, die jederzeit zu reißen drohte.

Erst als ich mit meiner sanften Stimme den Ablauf beschrieb, konnte ich die ersten Schalen brechen. Ein leises Aufatmen durchströmte den Kreis, als wir uns schüttelten, um uns aufzulockern und den Stress des Alltags hinter uns zu lassen. Die ersten Ängste fielen und ich hörte es in meinem Geist wie Glas zu Boden scheppern.

In der Flowing-Phase bewegten sie sich noch zart und scheu wie ein verschrecktes Reh. Die Blicke huschten von einem/r Teilnehmer/in zum/r anderen, als sei es das erste Mal, dass sie einander nackt sahen. Aber nicht nur das Nacktsein schien ungewohnt zu sein, sondern vor allem die freie Bewegung, den Körper so agieren zu lassen, wie er es gerade wollte, ihn nicht unter Kontrolle halten zu müssen. Bei sich zu sein, in seinem ganz eigenen Körper. Zu sich finden. Bereits bei der Staccato-Phase spürte ich die ersten hilfesuchenden Blicke in meine Richtung: „Darf ich denn wirklich? Ist das in Ordnung?“

Als die Chaos-Phase kommt, werden die Blicke noch stärker, während ich sie mit meiner Körpersprache auffordere aus sich herauszukommen.

Die Blicke wirken verzweifelt vor lauter guter Erziehung und höflicher Zurückhaltung. Und jetzt eine so verrückte Tänzerin, die sie auffordert, ihr wildes Tier zu zeigen. Verzweifelt begegnen ihre Blicke mir: „Aber ich kann doch nicht!“

Ich schaue sie ermunternd an: „Doch du kannst! Hier darfst du! Zeig dich nackt! Zeig dich wie du wirklich bist! Hier brauchst du dich nicht verstellen!“

Und langsam, Stück für Stück hatte ich es an diesem Abend geschafft, die Schalen dieser Menschen zu knacken und sie aus ihrer Muschel, wie kleine schüchterne Krebse, herauszulocken.

Immer noch fasziniert von der vertraulichen Atmosphäre, die an diesem Abend entstanden war, weil die Teilnehmer sich mit all ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit, ihren Bedürfnissen gezeigt hatten, nehme ich wieder wahr, dass ich am Strand des Atlantiks stehe, immer noch vom Anblick der imposanten Wellen gefesselt. Wellen, Ein Sinnbild der Stärke, der archaischen Kraft, der niederschmetternden Willenskraft, der niemand widerstehen kann.

Das Meer ist aufgewühlt, schaumig gerührt, aufbrausend. So aufbrausend wie meine Motivation mich in die Wellen zu schmeißen. Mich nicht mehr vornehm zurückzuhalten mit meiner Energie und meiner Kraft, wie es vom weiblichen Geschlecht gesellschaftlich verlangt wird.

Als ich daran denke, wie wunderschön kraftvoll diese Frauen und Männer waren, als sie es endlich geschafft hatten über ihren eigenen Schatten zu springen und sich mit all ihrer Kraft und unglaublich attraktiven Aggression zu zeigen und sie auszuleben, durchrinnt es mich wie ein letzter Lebensschrei. „Zurück zur Natur! Zurück zum wahren ICH!“

Als mich die Welle unwiderstehlich mit allem Sand und Wasser zu sich zieht, kann ich ihrem Sog nicht mehr entgegenstreben. Schreiend wie eine Amazone laufe ich den Wellen entgegen und werfe mich hinein.

Juli 2017, Alice Moustier